Gleich vorweg: Das erste vegane Weihnachten in meiner Familie sorgte schon Wochen, wenn nicht gar Monate vor Heiligabend für Gesprächsstoff. Entweder in unserer Familien-Chatgruppe, am Telefon oder bei Besuchen von Eltern und Schwestern. Immerhin gibt es doch bei uns immer Kartoffelsalat und Würstchen zum Heiligabend, und was wird aus dem Sauerbraten am ersten Weihnachtsfeiertag? Und übrigens schmeckt Stollen mit Margarine vollkommen anders als mit Butter. Sagt meine Mutter. Als gebürtige Sächsin backt sie jedes Jahr gleich zwei von den Weihnachtsbroten. Selbst gemachten veganen Eierlikör konnten wir uns dann zunächst alle nicht vorstellen, aber auch der gehört doch zur Peterschen Weihnacht dazu!

Traditionen rund ums Weihnachtsessen gibt es bei uns also reichlich. Aber das Schöne an Traditionen ist ja, dass man immer wieder neue schaffen kann.

Vegane Weihnachten schmecken (erstmal) nicht allen Familienmitgliedern

So etwa vor einigen Jahren, als eine meiner Schwestern uns eröffnete, sie ernähre sich ab sofort vegetarisch. An der Menge der zubereiteten Fleischspeisen änderte das zunächst wenig. Lediglich weitere Komponenten kamen auf der Tafel hinzu: ein Braten aus Pilzen zum Beispiel, dazu eine vegetarische Soße. Beim Kartoffelsalat verzichtete die Schwester einfach aufs Würstchen, und alle waren zufrieden.

In diesem Jahr dann der Schock, zumindest für meine Eltern: Die zweite Tochter, nämlich ich, verkündete, ebenfalls auf Fleisch zu verzichten. Und auf Milch. Und Käse. Joghurt auch. Vegan also. Halleluja! Zumindest die dritte Tochter im Bunde stellte weiterhin keine besonderen Ansprüche ans Essen. Immerhin.

Die erste Zerreißprobe wartete bei der Familienzusammenkunft an Ostern. Großes und wichtiges Thema damals im April: Was wollen wir essen? Meine Mutter schlug ein Kartoffelgratin mit einer Fertigsoße aus dem Glas vor, die es bei uns früher oft gegeben hatte. Ich bot daraufhin an, eine vegane Version für alle zu kochen. Doch meine Mutter traute dem Ganzen noch nicht so ganz und besorgte trotzdem die Gläschen im Supermarkt. Nur zur Sicherheit. So tischten wir an diesem Abend also zwei verschiedene Gratins auf.

Jetzt also vegane Weihnachten! Meine Eltern hatten seit Ostern nochmal knapp neun Monate Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Und wie es scheint, klappt es ganz gut. Neulich schickte meine Mutter mir ein Bild vom selbst gebackenen Stollen – mit Margarine! Ich konnte es gar nicht glauben und freute mich gleichzeitig wie ein kleines Kind über die Schritte, die meine Mama kulinarisch auf mich zuging.

Ein angeschnittener Stollen in der Draufsicht auf einem Holzbrett, daneben liegen getrocknete Orangenscheiben und Tannengrün.
Heißes Eisen Christstollen: Schmeckt der jetzt mit Butter besser als mit Margarine? Credit: Getty Images/ Xsandra

Als die Eltern dann vergangenes Wochenende zum Adventsfrühstück bei mir vorbei schauten, die nächste Überraschung: Sie überreichten mir das Zepter für das Weihnachtsessen am ersten Feiertag. Braten, Soße, Beilagen, Dessert – alles darf tierfrei sein, ganz ohne Back-up-Lösung! Vielleicht überzeugte sie mein veganes Friendsgiving Dinner, das ich im letzten Monat ausrichtete und von dem Freund:innen immer noch schwärmen. In diesem Jahr gibt es also keinen Vogel, sondern einen Braten aus Nüssen und Bohnen, dazu die vielleicht beste vegane Bratensoße. Der Sauerbraten wurde übrigens auf den zweiten Weihnachtsfeiertag geschoben. Dann ist die vegetarische Schwester schon wieder abgereist und ich werde mich vermutlich an den Resten von Heiligabend und dem ersten Feiertag laben. Wir wollen ja nicht gleich übertreiben.

Eine Gartenparty im Dezember: Familie, Suppe und ganz viel Glühwein

Nachdem die wichtigsten Essenfragen also mittlerweile geklärt sind, ist Zeit, sich auf das nächste Event zu freuen: die traditionelle Glühweinparty meiner Eltern am zweiten Weihnachtsfeiertag. Terrasse und Garten verwandeln sich dann in einen kleinen Adventsmarkt, es gibt einen Heizpilz, Stehtische und jede Menge Lichterketten, dazu eine Feuerschale. Ich glaube, meine schönsten beschwipsten Geschichten sind am zweiten Weihnachtsfeiertag auf dieser Terrasse geschrieben worden.

Mein Vater hat sich vor ein paar Jahren extra einen Glühweinkocher angeschafft. So richtig professionell wie auf dem Weihnachtsmarkt, mit Zapfhahn und Regler, damit der heiße Wein immer die richtige Temperatur hat. Der Glühwein ist natürlich selbst gemacht, Ehrensache. Meine Mutter kocht zu diesem Anlass immer eine heiße Suppe. Kaum ein Gericht lässt sich mittlerweile leichter vegan zaubern als dieses. Hier gibt’s also keinen Grund für Diskussionen. Phew, noch mal Glück gehabt.

Pandemiebedingt fiel die Party im letzten Jahr natürlich deutlich kleiner aus – nur meine Schwestern und ich waren zu Gast. Auch dieses Jahr werden es vermutlich nicht mehr Besucher:innen sein, aber die Tradition wollen wir trotzdem aufrecht erhalten.

Heimisches Weihnachtskonzert mit alkoholischer Begleitung

Während also alle wichtigen Fragen rund um Essen schon vor den feierlichen Ereignissen final besprochen sind, führt ein Punkt auf der Festagenda in jedem Jahr zu Diskussionen. Der Gang zur Kirche. So richtig in den Zeitplan passt der eigentlich nie, und deshalb studieren wir bereits am Tag vor Heiligabend den Gemeindebrief mit allen Uhrzeiten, zu denen Messen stattfinden. Auf dem Dorf mit zahlreichen Nachbargemeinden sind das einige. Faktoren, die in die Wahl mit einfließen, sind Uhrzeit, Kirche (es gibt beheizte und nicht beheizte) und Krippenspiel (ohne ist der Gottesdienst kürzer).

Mehr als einmal stand schon die Frage im Raum, ob wir die Kirche nicht einfach mal ausfallen lassen wollen. Immerhin sind nur drei von fünf Familienmitgliedern getauft und konfirmiert, und zwei davon sind mittlerweile wieder aus der Kirche ausgetreten. Im letzten Jahr nahm uns Corona diese Entscheidung ab. Kirchenbesuche wurden von ganz oben – also vom Staat, nicht von Gott – gestrichen. Bei uns der erste Schritt hin zu einer neuen Tradition: Online-Kirche und virtueller Gottesdienst vor dem Kamin. Der Vorteil: Es gab Glühwein.

Nach Kirche und Dinner ist vor der Bescherung. Dann kramen wir immer die Liederbücher hervor, meine Mutter setzt sich ans Klavier und es erklingen Weihnachtslieder vom Familienchor. Mein Vater lässt sich sogar dazu hinreißen, ein paar Töne auf der Mundharmonika zu spielen. Klingt kitschig, ist aber einfach schön! Und erst wenn alle Lieder gesungen, viele Plätzchen verputzt und die Bäuche mit dem Weihnachtsdinner gefüllt sind, gibt’s bei uns Geschenke. Meist ist es dann bereits 21:00 Uhr und später, und bis das letzte Paket ausgepackt ist, steht der Zeiger manches Mal schon auf Mitternacht. Aber auch das ist bei uns Tradition: Für die Geschenke nehmen wir uns Zeit. Eins nach dem anderen wird verteilt. Erst wenn keins mehr unter dem Baum liegt, machen wir uns ans Auspacken – der Reihe nach wickelt jede:r von uns ein Päckchen aus.

Ein Topf mit Feuerzangenbowle, auf dem ein brennender Zuckerhut liegt.
Keine Bescherung ohne Feuerzangenbowle. Außer vielleicht in diesem Jahr. Neue Traditionen machen auch vor Weihnachtsklassikern nicht Halt. Credit: Shutterstock/ Joern Schimmelpfeng

Begleitet wird das Spektakel erneut von Alkohol, aber jetzt nippen wir alle an einer Feuerzangenbowle. Außer vielleicht in diesem Jahr. Ich habe da schon so eine Idee für einen Weihnachtscocktail. Jetzt, da ich die Verantwortung für ein komplettes Dinner trage, werde ich der Familie ja wohl auch noch einen neuen Drink präsentieren dürfen. Vielleicht wird der dann sogar Tradition an kommenden (veganen) Weihnachten? Ich bin gespannt!