Vielleicht kennt ihr das ja – vor allem, wenn ihr irgendwann mal das heimische Nest verlassen habt, um irgendwo anders das große Glück zu suchen. Ich wohne nun schon über 16 Jahre in Berlin. Wenn ich Weihnachten zur Familie nach Hessen fahre, fahre ich nach Hause. Und wenn ich von Hessen wieder nach Berlin fahre, fahre ich auch nach Hause. Es gibt nie nur den einen Ort für mich, den ich mein wohliges Heim nenne – es gibt immer zwei Orte. Klingt zunächst ganz nice eigentlich – aber es sorgt auch immer dafür, dass ich mich ein wenig zerrissen fühle, nicht wirklich angekommen.

Erscheint jetzt ein wenig deprimierend, ist es aber nicht. Ich habe nun mal zwei Orte, die ich mittlerweile meine Heimat nenne – und tatsächlich ist es mir seit einigen Jahren auch ziemlich wichtig, dass ich unbedingt beide Orte sehe, wenn mal wieder die harmonischsten aller Festtage anstehen. Heute verrate ich euch, wie Weihnachten bei Olivia aussieht.

Weihnachten bei Olivia: 600 km hin und wieder zurück

Im Idealfall bin ich am Heiligabend bei meiner Mama, im beschaulichen Rhein-Main-Gebiet. Ebenda hab ich stolze 22 Jahre meines Lebens verbracht – und genau da habe ich die Traditionen meiner Mutter kennen und auch lieben gelernt.

Meine Mutter kommt aus Jelenia Góra – zu Deutsch auch als Hirschberg bekannt. Gar nicht mal so weit weg von der deutschen Grenze, ein kleines, wirklich schönes Städtchen in Polen am Rande des Riesengebirges. Es ist schon einige Jahre her, da ist auch sie mal mit einem Koffer losgezogen und wollte irgendwo ihr großes Glück suchen. Gefunden hat sie meinen Dad und dieses Kaff in Hessen. Wenn wir die Umwege mal außen vor lassen.

Jelenia Gora bei Abenddämmerung aus der Vogelperspektive
Hier liegen Olivias Wurzeln – und es ist immer eine kleine Reise wert: Jelenia Góra in Niederschlesien. Credit: Shutterstock/Air Vision

So oder so: Sie fasste Fuß, hat geheiratet und mich bekommen – und sie hat stets die Nähe zu ihrer Heimat gepflegt. Das kam in den unterschiedlichsten Aspekten zum Vorschein – ganz sicher aber in der Art und Weise, wie wir den Heiligabend verbringen. Und zwar schon immer!

Es ist eigentlich ganz lustig. Es kommen nämlich Gerichte auf den Tisch, die weder meine Mutter noch ich mit voller Passion lieben – aber wehe, sie stehen nicht trotzdem auf dem Tisch. Ich spiele da womöglich auf den Fisch an. Muddi ist eher so vegetarisch unterwegs, ich wiederum kann speziell mit Fisch nicht viel anfangen. Der ist aber traditionell polnisch – und das vor allem, weil er irgendwie katholisch ist.

Fun Fact: Muddi und ich können beide mit Religion nicht viel anfangen. Eigentlich eher so gar nicht. Trotzdem. Zum Heiligabend gibt es eigentlich nur eine richtige Antwort auf die Frage nach dem Menü – und das auch, wenn ich am 24. Dezember mal nicht in Hessen sein kann. Dann trete ich diese Tradition auch in Berlin durch. Hab ich gar keine Probleme mit. Und die regulären „Mitesser“ auch nicht.

Heiligabend bei Olivia: Ist das noch traditionell Polnisch?

Ich möchte hier auch keine falschen Wahrheiten verbreiten: Vielleicht ist das gleich geschilderte Menü ja auch gar nicht typisch polnisch. Aber es ist definitiv Tradition, die meine Mama mitgebracht hat – nicht zuletzt auch von meinen fantastischen Großeltern, Gott (oder eine atheistische Alternative dazu) hab sie selig.

Zur Vorspeise gab es SCHON IMMER eine klare Pilzsuppe mit Pasta. Und ehrlich, Leute – die schmeckt einfach sagenhaft. Ich habe lediglich versucht, dass Rezept mit Mengenangaben nachzuempfinden – Muddi hat natürlich kein Rezept dafür. Sie macht die Vorspeise in jedem Jahr, seit vielen Jahren. Ganz ohne Waage oder ähnliche Hilfsmittel. Und sie schmeckt verdammt noch eins immer gleich gut. Es ist meine absolute Lieblingssuppe – und es gibt sie nur und ausschließlich am 24. Dezember eines jeden Jahres. Gut, gut. Manchmal hab ich mich auch schon am 25. Dezember an den Resten vergriffen, aber diese Leckerei ist wirklich ausschließlich an das eine Datum gebunden.

Klare Pilzsuppe mit Nudeln und Gemüse
Pilzsuppe muss nicht immer cremig mit Sahne daherkommen. Auch die klare Variante mit Nudeleinlage weiß zu überzeugen. Credit: Getty Images/porosolka

Wenn ich mal nicht bei meiner durch Blutsverwandtschaft verbundenen Familie sein kann zum Fest, dann koche ich die Suppe auch selbst und serviere sie meiner Wahlverwandtschaft. Stets versehen mit allerlei Kommentaren („Bei Mama schmeckt das irgendwie besser“ und so weiter) … aber hey. Ich werde das vielleicht irgendwann auch beherrschen. Ich übe fleißig weiter.

Zum Hauptgericht halten wir dann die Bälle flach. Es gibt eigentlich immer Fisch – in Form von Lachs mit Weißweinsoße. Na gut. Das gibt es vor allem für den Rest der Familie. Ich bin nämlich kein großer Fan von Lachs – mir werden meist Fischstäbchen mit Soße kredenzt. Ja, ich bin erwachsen, kratze an der fiesen 40 und verdiene meine Brötchen mit fancy Food-Content. Ist mir aber egal. Ich bin das Kind in der Familie und so will ich auch behandelt werden. So.

Als Beilage zum Fisch gibt es die Teigwaren, die auch zur Vorspeise schon in der Suppe zu finden waren. Ich glaube, hier würde Muddi gern Neues ausprobieren, aber das Kind (höhö) will halt Nudeln. Was willste da machen?

Dazu gibt es meist noch eine Auswahl an geräuchertem Fisch und eine vegetarische Variante von klassisch polnischem Bigos. Das geht dann ganz ohne Wurst, dafür finden die ausgekochten, getrockneten Pilze der Suppe einen zweiten Berufsweg.

Auf das Dessert verzichten wir dann. Die im Vorfeld gebackenen Kekse und Glühwein reichen völlig aus, um einen schönen Horrorfilm zu streamen. Ja, meine Familie mag Spuk und Schrecken nach der Bescherung. Traditionen können so vielfältig sein!

1. Weihnachtsfeiertag dann mal so voll festlich

Es geht doch nichts über ein gutes Frühstück. Und das beherrscht meine Mutter wahrlich in Perfektion. Ich kann ja schon ein schweine-gutes Rührei machen, aber die Liebe zum Detail, die meine Mama beim Anrichten der Wurst- und Käseplatte, Gemüse, Dips und kleiner Raffinessen an den Tag legt, sollte einen Orden verdienen. Das große Highlight: der polnische Kartoffelsalat.

Polnische Kartoffelklöße Kopytka auf weißem Teller, serviert auf dunkler Arbeitsplatte.
Heute gibt es mal Klöße Polnischer Art: Kopytka! Credit: Shutterstock/difenbahia

Und als würde man sich nicht schon kugelrund vom Frühstückstisch wegrollen, ist irgendwie auch schon wieder die Zeit, das Abendmahl vorzubereiten. In diesem Punkt sind wir dann gar nicht so festgefahren. Wichtig ist nur: Es gibt Kopytka – die ALLERBESTEN Klöße auf der Welt. Dazu dann lecker Fleisch mit Soße und schon ist die Welt einfach nur schön und gut, wie sie ist. Nun ja. Für diesen überschaubaren Zeitraum zumindest.

Und so falle ich meist recht schnell im Anschluss ans große Schlemmen ins Bett – hab ja meist auch einen harten Tag vor mir…

2. Weihnachtsfeiertag – und zurück in eine andere Welt

Das bereits angesprochene ultra-tolle Frühstück ist nochmal drin… dann wird der Koffer gepackt und ich werde an den Bahnhof verfrachtet. Ja, ich verbringe den 2. Weihnachtsfeiertag in den letzten Jahren meist im ICE. Ich hab es ja eingangs schon erwähnt: Ich brauche an den Feiertagen meine beiden Zuhauses. Und so hab ich kaum eine Wahl, als am 26. Dezember den Weg zurück nach Berlin anzutreten.

Da ist es übrigens ziemlich egal, wie lange ich schon nicht mehr bei Muddi wohne – und wie lange ich gerade bei ihr war. Wenn ich nach Berlin zurückfahre, komme ich selten ohne Taschentücher aus. Das nimmt zuweilen richtig kitschige Ausmaße an. Und heulen tue ich wirklich immer. Frühestens Station Wolfsburg habe ich den Abschiedsschmerz etwas abschütteln können (ja, bis zum Kinn verschmierter Mascara inklusive). Da bleibt mir noch ein Stündchen, um die Visage wieder auf einen vorzeigbaren Status zurückzusetzen, ehe ich am Berliner Hauptbahnhof eingesammelt werde. Und zwar von meiner zweiten Familie.

Ihr müsst nämlich wissen: Ich bin nicht nur mit einer sagenhaften Mutter gesegnet, sondern auch mit dem ganz sicher süßesten Hund der Welt – und mit den zwei ziemlich besten Freunden, die man sich in den wildesten Träumen überhaupt nur vorstellen darf. Und seit über zehn Jahren haben wir es zu unserer eigenen Tradition gemacht, einen der Weihnachtsfeiertage zusammen zu verbringen – was aufgrund der zuvor geschilderten Umstände eben meist den 26. Dezember trifft.

Credit: privat

Was die Gestaltung des Menüs angeht, werden schon viele Wochen zuvor wilde Diskussionen geführt. Darf es dieses Mal etwas Ausgefallenes sein? Überbacken wir den verdammten Rotkohl einfach mal mit Gorgonzola? Reichen wir eine selbst gemachte Cognac-Soße zu Pulled Beef? Oder doch dann lieber der Sauerbraten?

Fragen über Fragen, Ideen über Ideen. Tatsächlich würde ich uns alle drei als ziemlich gute Köch:innen mit unterschiedlichen Skills bezeichnen – deshalb ist nichts wirklich unmöglich. Aber Leuuuute. Was für ein Akt, sich da mal zu einigen!

In diesem Jahr hab ich mal ein nettes Rezept für Gnocchi alla romana als Beilage vorgeschlagen. Aber da wurde ich dann mal gnadenlos überstimmt. Und warum? Weil Futterneid. Die beiden Herren wollen nämlich auch jedes Jahr Kopytka essen… wie ich es am Vortag schon bei Muddi getan hab. Nur müssen die beiden sich mit meiner Variante begnügen. Glücklicherweise haben sie nicht den direkten Vergleich – weil so gut wie die Mama mache ich nämlich auch das nicht.

Aber was soll’s? Die Küche ist im Nachgang ein Schlachtfeld. Aber wir liegen dann auf der Couch, glücklich vollgefuttert in unseren „Ugly Christmas Sweatern“, kraulen Hundi die Öhrchen und sind uns sicher: Morgen gibt’s Salat. Ohne Dressing. Ganz bestimmt. Ach Mist… da sind ja noch Reste…

Hach, Leute. Was hab ich nur für ein Glück.


Das war dann wohl ein ziiiemlich langer Bericht über das Weihnachten bei Olivia. Aber Mensch. Das sind aber auch immer schwer beschäftigte Tage. Wie schön, dass diese aber noch vor mir liegen im Jahr 2021. Freue mich auf euch, ihr liebsten Dreieinhalb.

Olivia und die coolsten Frauen auf der Welt.
Olivia und die coolsten Kerle auf der Welt. Credit: privat