Jeder Milchbauer behandelt seine Tiere anders – mal mehr, mal weniger artgerecht. Wir verraten dir, woran genau du Milch aus artgerechter Tierhaltung erkennen kannst.

Was genau bedeutet eigentlich artgerechte Tierhaltung?

Hast du dich schonmal gefragt, was darüber entscheidet, ob ein Hof seine Kühe artgerecht hält oder nicht? Dafür müssen bestimmte Kriterien etabliert werden. Im Folgenden lernst du mehr über vier solcher Kriterien. An ihnen orientieren sich die Bewertung verschiedener Siegel der artgerechten Tierhaltung. Diese Siegel siehst du dann auf den Milch-Kartons, sie können dir bei der Auswahl weiterhelfen.

1. Ein Leben im Stall?

In der konventionellen Milchproduktion werden die Kühe eher in Ställen gehalten statt im Freien. In diesen Ställen reiht sich häufig Kuh an Kuh, festgebunden an einer bestimmten Stelle, von der sie sich nicht wegbewegen können. Das ist platzsparender und so natürlich billiger für die Hersteller. Also gut für den Geldbeutel der Menschen, aber schlecht für das Wohlbefinden der Tiere. Ausreichend Platz für Bewegung und Ruhe, frische Luft und wechselnde Licht- und Klimaverhältnisse sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass es den Kühen gut geht. Voraussetzungen, die ein Bio-Hof zu erfüllen hat.

2. Frisches Grünfutter?

Kühe brauchen ausreichend Nährstoffe, um den Prozess des Produzierens und Melkens zu überstehen. Gesundes Futter mit natürlichen Nährstoffen kostet jedoch mehr Geld, weshalb konventionelle Milchmarken häufig zu Kraftfutter und Silage greifen. Silage ist ein Gärfutter, bei dem frische Futterpflanzen durch Milchsäure haltbar gemacht werden. Kraftfutter wird aus Nahrungsmitteln wie Soja, Mais und Weizen zusammengestellt. Ein hoher Eiweißanteil ist das Hauptziel der Produktion, denn mit viel Eiweiß können Kühe viel Milch produzieren. Jedoch gibt dieses Kraftfutter den Kühen nicht all die Nährstoffe, die sie brauchen, und ist zusätzlich nicht fürs Wiederkäuen geeignet.

Gut für die Gesundheit der Kühe ist Grünfutter. Die Pflanzen werden hier frisch geerntet und an die Kühe verfüttert. So bleiben die meisten Nährstoffe erhalten, die die Kühe dann ganz einfach aufnehmen. Neben Grünfutter ist auch das sogenannte Raufutter eine wichtige und gesunde Nahrungsquelle. Zu Raufutter zählen beispielsweise Gras sowie verschiedene heimische Pflanzen und Heu. Eine ausgewogene Ernährung ist ein wichtiger Bestandteil für die Produktion von Milch aus artgerechter Tierhaltung.

3. Enthornung von Kühen?

Es wird häufig angenommen, das Hörner nur bei männlichen Rindern vorkommen, doch das ist nicht der Fall. Auch viele Weibchen haben natürlicherweise Hörner. Und diese Hörner sind bei der Stallhaltung hindernd: Da die Kühe so nah beieinander stehen, können sie sich gegenseitig mit ihren Hörnern verletzen. Aus diesem Grund enthornen viele Höfe Kälber schon früh. Dabei werden den jungen Kühen die Hörneransätze herausgebrannt, damit keine Hörner wachsen können. Enthornungen sind schmerzhafte Prozesse für die Kälber, werden bei konventionellen Kuhhaltungen aber oft ohne Betäubung oder Schmerzmittel durchgeführt.

Dass dieses Vorgehen entgegen des Wohls des Tieres geht, liegt auf der Hand. Enthornungen werden unter manchen Siegeln verboten, oder nur unter bestimmten Bedingungen und tierfreundlicher Behandlung durchgeführt.

4. Familienglück?

Eine Verbindung zu Mutterkuh ist für Kälber und deren weitere Entwicklung sehr wichtig. Doch bei vielen Höfen der Milchviehhaltung werden die frisch geborenen Kälber direkt von ihren Müttern getrennt, damit keine Zeit für die Milchproduktion verloren geht. Auch hier steht das Wohl des Unternehmens wieder über dem Wohl des Tieres. Bei artgerechter Haltung muss das Kalb die ersten Tage seines Lebens bei der Mutter verbringen und bei ihr säugen. Alternativ dazu gibt es die sogenannte Ammenkuhhaltung: Bei dieser Form der Kälberaufzucht werden die Kälber zwar auch nicht von ihren Müttern aufgezogen und gesäugt, jedoch fungiert eine Ammenkuh als Ersatzmutter für zwei bis vier Kälber gleichzeitig.

Bio-Siegel für Milch aus artgerechter Tierhaltung unter der Lupe

Das EU-Öko-Siegel

Ein bekanntes Siegel ist das Siegel der EU-Öko-Verordnung. Ab wann wird einem Milchhersteller dieses Siegel verliehen?

Erstmals dürfen pro Hektar nicht mehr als zwei Kühe leben. Außerdem müssen die Kühe das ganze Jahr über die Möglichkeit haben, sich auf einem Laufhof oder einer Weide frei bewegen zu können. Im Stall muss jede einzelne Kuh eine Fläche von mindestens sechs Quadratmetern haben, zudem einen großen Liegeplatz, der mit trockenem Stroh ausgelegt ist.

Enthornungen sind nur im Ausnahmefall erlaubt und dabei nur unter Verwendung von Sedation, Lokalanästhesie und Schmerzmittel. Auch bei der Fütterung müssen bestimmte Kriterien eingehalten werden: Eine Grundmenge an Grünfutter ist im Nahrungsplan der Tiere vorgeschrieben und jede Art des Futters muss GVO-frei sein. GVO bedeutet „genetisch veränderter Organismus“ und bezeichnet Futter aus genetisch behandelten Pflanzen. Angaben zur Trennung des Kalbes von der Mutter gibt es keine.

Das Naturland-Siegel

Um dieses Siegel zu erhalten, müssen die Kühe in Laufställen leben und einen ganzjährigen Zugang zu Laufhof und Weiden haben. Bei der Ernährung muss der größte Anteil aus Grün- und Raufutter bestehen, und die Enthornungsvorschriften entsprechen denen der EU-Öko-Regeln: Nur im Ausnahmefall und nur mit Betäubung und Schmerzmitteln.

Bei diesem Siegel gibt es auch Angaben zur Kälberaufzucht. Es wird empfohlen, dass Kälber die ersten Tage bei ihren Müttern saugen und sie erst nach den ersten Wochen voneinander zu trennen. Etwa fünf Prozent der Höfe führen auch die alternative Aufzuchtsform mit der Ammenkuh durch. Bei der Bewertung des Grades der artgerechten Haltung des Welttierschutzgesellschaft erhält das Naturland-Siegel vier von sechs möglichen Punkten, wobei sechs die Tierhaltung mit den besten Voraussetzungen beschreibt.

Das Bioland-Siegel

Beim Bioland-Siegel überschneiden sich viele der Bedingungen mit dem Naturland-Siegel. So müssen die Tiere auch hier in einem Laufstall mit Zugang zum Laufhof oder einer Weide wohnen. Außerdem muss das Hauptfutter aus Grün- und Raufutter bestehen, und die Enthornung ist nur in Ausnahmefällen möglich und dann mit Betäubungs- und Schmerzmitteln.

Zusätzlich wird hier zur Haltung von genetisch hornlosen Kühen, also solchen, die von Geburt an keine Hörner haben, geraten. Und nicht empfohlen, sondern vorgeschrieben, ist, dass Kälber mindestens einen Tag bei ihren Müttern bleiben und die Trennung in der ersten Woche erfolgt. Der Anteil an alternativen Aufzuchtsformen liegt hier bei etwa vier bis fünf Prozent. Der Welttierschutzgesellschaft bewertet auch dieses Siegel mit vier von sechs Punkten.

Milch aus artgerechter Tierhaltung mit dem Demeter-Siegel

Als letztes nehmen wir das Demeter-Siegel genauer unter die Lupe. Bei den Kriterien „Leben im Stall“ und „Frisches Grünfutter“ sehen die Voraussetzungen genauso aus wie bei den beiden vorherigen Siegeln, das heißt: Laufstall mit Laufhof oder Weide, und hoher Anteil an Grün-und Raufutter.

Der Unterschied liegt hier bei den Vorgaben zur Enthornung von Kälbern: Diese ist nämlich in keinem Fall zulässig, die Zucht von genetisch hornlosen Rindern sogar verboten. Demeter sieht die Hörner der Kühe als wichtigen Bestandteil ihres Lebens an: Die Hörner sind wichtig für die Kommunikation, helfen den Kühen bei der Körperpflege und tragen zu ihrer allgemeinen Gesundheit bei. Da die Hörner in der Landwirtschaft auch häufig als eines der wichtigsten Organe der Tiere angesehen werden, vertritt Demeter die Meinung, dass die Hörner einen Einfluss auf die Qualität der Milch haben. Bei einer artgerechten Haltung, die den einzelnen Tieren ausreichend Platz bietet, sodass sie nicht mit anderen Tieren zusammenstoßen, sollten die Hörner auch kein Problem sein.

Zur Frage nach dem Familienglück gibt Demeter keine Angaben. Doch etwa fünf Prozent der Höfe unter diesem Siegel nutzen die alternative Aufzuchtsform. Der Welttierschutzgesellschaft hat die Kriterien des Demeter-Siegels für artgerechte Haltung mit fünf von sechs Punkten bewertet. Demeter hat somit die höchste Wertung aus den drei diskutierten Siegeln.


Quellen: www. welttierschutz.org, www.praxistipps.focus.de