Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe sitzt am Tisch und spitzt die Lippen, dazwischen verschwindet eine Spaghetti nach der anderen im Mund. In der kleinen Menge erblickt man das zufriedene Gesicht einer italienischen Großmutter. Sie hat heute für alle hier am Tisch gekocht. Und zwar so, wie sie es schon ihr ganzes Leben lang gemacht hat. Sie ist eine von zahlreichen Pasta Grannies, die von Journalistin Vicky Bennison seit 2014 besucht werden.

Die Pasta Grannies teilen Familienrezepte – Vicky Bennison erzählt ihre Geschichte

„Finding and filming real Italian grannies“, so beschreibt Vicky Bennison ihre Mission. Zusammen mit ihrem kleinen Team – einem Kameramann und einer Granny Finderin, die die Nonne aufspürt – reist die Britin durch Italien, von Nord nach Süd und von Ost nach West, um den Damen ihre Pastarezepte zu entlocken. Und um ihre Lebensgeschichten zu erzählen.

„We always get the most wonderful, outgoing, adventurous, if you like, women to open their doors to total strangers. That’s very brave of them“, erzählt Bennison dem EAT CLUB. Eine dieser mutigen Frauen ist Marietta aus Kalabrien. Sie kocht Tagliatelle mit Fleischbällchen – „Pasta di casa“, hausgemachte Pasta. Unter den Herdplatten lodert noch ein echtes Feuer, es bringt das Nudelwasser zum Kochen. Ihre erste eigene Pasta machte Marietta, als sie zwölf oder 13 Jahre alt war. So ganz genau erinnert sie sich nicht mehr, denn das ist lange her. Jetzt ist sie 98, kann also auf 85 Jahre Erfahrung zurückblicken. Das Geheimnis ihrer Schönheit im Alter? „Ich habe nie wie reiche Leute gegessen“. Sagt sie und steckt mit ihrem Lachen an.

Tatsächlich galten handgemachte Spaghetti, Linguine und Co früher als Arme-Leute-Essen. Nur die gut situierte Bevölkerung konnte es sich leisten, abgepackte, fertige Nudeln zu kaufen. Heute ist es genau andersherum: Handgemachte Qualität gibt es in Spezialitätenläden, Fertigprodukte findet man als Massenware in Supermarkt und Discounter.

Drei Pasta Grannies sitzen draußen an einem Tisch und bereiten Nudeln mit der Hand zu.
Outdoor Cooking bei den Pasta Grannies, die Zeit wird genutzt für einen kleinen Plausch. So gesellig kann Kochen sein. Credit: FUNKE Mediengruppe

Eine Tradition droht zu versiegen

Mit einem atemberaubenden Blick über das Meer und Corniglia, eines der fünf Dörfer der Cinque Terre, filetieren Guido und sein Sohn Pietro im Garten Seebrassen, schälen Garnelen, schneiden Tomaten. Noch fängt Guido die Fische und Meeresfrüchte für seine „Spaghetti ai frutti di mare“ selbst, plant aber, seinen Sohn in die Geheimnisse des Fischfangs einzuweihen. Um irgendwann einfach nur noch auf dem Sofa zu sitzen und zu schlemmen, wie er sagt.

Im Gewusel der Pasta Grannies fallen die beiden etwas aus dem Rahmen. Pasta in Handarbeit herzustellen, das lag traditionell in Frauen-, in Omas Hand. Aber die Tradition droht auszusterben. Wanderte sie früher von Generation zu Generation und gaben Mütter ihr Wissen an Töchter (seltener auch Söhne) weiter, sind italienische Frauen und Männer heute zu beschäftigt – mit Job, Karriere oder einfach Alltag –, um das Pasta-Erbe fortzuführen und die Rezepte ihrer Familien zu lernen.

Dies ist auch der Grund, weshalb Bennison ihr Videoprojekt startete. Sie zelebriert das Handwerk und Können der Pasta Grannies, möchte zeigen, wie viel Geschichte(n) dahinter steckt. „Pasta is almost like the vehicle for the stories of these women“, sagt die Filmemacherin. Jedes Gericht ist Anlass, die Geschichte der Nonna, die es zubereitet, zu erzählen.


Im aktuellen EAT CLUB Food-Guide und auf dem YouTube-Channel der Pasta Grannies erfährst du noch mehr über die Damen und lernst einige ihrer Rezepte kennen. Aber auch online hier bei uns findest du jede Menge Pastarezepte wie diese:


Quellen: youtube.com, pastagrannies.com