Alkoholfreie Spätis, Dinnerbegleitung ohne Wein, Gin Tonic mit null Umdrehungen – der Dry January ist gerade erst vorbei. Das sogenannte „Mindful Drinking“ geht trotzdem weiter. Spaziert man durch Berlin, kommt man am „Null Prozent Späti“, „Mindful Drinking Club“ oder „Zeroliq“ vorbei. Hier bekommt man richtig gute Drinks, Gin, Bier, Aperitifs. Kurz: alles, was das Promille-Herz begehrt. Nur eben ohne Promille.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie, als man sich plötzlich irgendwie mehr auf die eigene Gesundheit fokussierte, spielt alkoholfreies Trinken eine Rolle. Lag der Pro-Kopf-Konsum von Bier in Deutschland 2010 noch bei 107,4 Litern, waren es 2020, zehn Jahre später, 94,6 Liter. Dazwischen sank der Verbrauch von Jahr zu Jahr. Das Angebot an alkoholfreien Alternativen steigt dagegen. Nicht nur Supermarktregale füllen sich, man bekommt alkoholfreies Bier, Wein, Gin und Co. mittlerweile sogar in eigenen Läden und Kneipen.

Woher kommt dieser Trend? Das haben wir Nicole Klauß gefragt. Die alkoholfreie Expertin startete ihre berufliche Laufbahn – ungewöhnlicherweise – als Sommelière. Die Ausbildung brach sie jedoch vor Abschluss ab, brachte stattdessen ein Buch übers Nicht-trinken heraus und wird heute unter anderem für Tastings und Beratungen gebucht.

EAT CLUB: Du arbeitest schon viele Jahre erfolgreich als alkoholfreie Expertin, aber ursprünglich mal eine Ausbildung zur Sommelière begonnen. Wieso kam es zum Switch?

Nicole Klauß: Ich war während der Ausbildung immer auch ein bisschen angetrunken. Wenn du morgens um zehn schon verschiedene Rotweine testest, ist das irgendwie auch kein Wunder. Das hat mir nicht so richtig gut getan. Wenn ich eine Weinbegleitung mit sechs Gängen hatte, war’s genauso. Ich hab mich damals schon gefragt, was trinken denn die, die nicht trinken? Ja, Wasser (lacht). Mit oder ohne Sprudel. Aber man geht doch nicht ins Sternerestaurant und trinkt Wasser.

Als ich dann schwanger wurde, hieß es sowieso lange Zeit null Promille. Da war die Auswahl an Alternativen noch deutlich schlechter als heute. Im Prinzip war mein Buch schließlich so eine Art Protest. Allein der Ausdruck „trinken“ ist ja mit Alkohol verbunden. Wenn man fragt: „Wollen wir was trinken gehen?“, dann meint man Alkohol. Es gibt nicht einmal wirklich Gläser, die man nicht mit einem bestimmten Drink assoziiert.

Trinkst du denn gar keinen Alkohol?

Manchmal entscheide ich mich für die Mit-Version, weil das ohne einfach so ein Mist ist. Da trinke ich lieber und freue mich über den guten Wein. Dann gönne ich mir auch einen teureren, weil es sehr selten ist, dass ich trinke.

Wieso entscheiden sich Menschen fürs Mindful Drinking?

Es gibt verschiedene Nicht-Trinker:innen: die, die zu viel getrunken haben, also alkoholabhängig waren oder sind. Viele von denen haben mir erzählt, dass es sie triggert, wenn sie alkoholfreien Wein oder Gin trinken. Die möchten lieber einen Kombucha gemixt mit einem Saft und einem Kräuterauszug oder Rauchtee.

Aber Leute, die aus Vernunft nichts trinken, die sind da ganz offen. Die wollen ja einfach nur weniger trinken. Die trinken den dritten Gin Tonic dann ohne, suchen aber nach dem gleichen Geschmack und gehen auf die Copy Cats. Deswegen haben Unternehmen mit alkoholfreien Gins und Co. gerade so einen Zulauf. Das ist ja auch ganz einfach, so schlecht schmeckt’s ja nicht. Aber die Weintrinker:innen, die weniger trinken wollen, die kriege ich meistens nicht mit alkoholfreiem Wein.

Wer es schafft, einen guten alkoholfreien Wein zu produzieren, hat ausgesorgt.

Nicole Klauß

Warum nicht?

Das liegt vielleicht daran, dass ich selbst nicht überzeugt bin. Menschen wie meine Mutter, die schon lange nichts mehr getrunken haben, trinken alkoholfreien Wein mit großer Freude. Aber die haben auch den Vergleich nicht mehr. Wer es schafft, einen guten alkoholfreien Wein zu herzustellen, der hat ausgesorgt.

Ich finde, alle Spirits, die nicht sagen, ich bin ein Gin oder ein Whisky, sondern einfach ein Aperitif sind, die haben’s viel leichter. Weil sie eben nicht diesen Vergleich scheuen müssen.

Mittlerweile gibt es ein breites Spektrum an alkoholfreien Alternativen. Was war zuerst da: das Angebot, das man nach und nach für sich entdeckte, oder die Nachfrage, aufgrund derer sich der Markt entwickelt hat?

Ich glaube, dass die großen Player, die Alkohol herstellen, schon den Markt beobachten. Wenn Trink-Reports belegen, dass der Konsum alkoholfreier Biere ansteigt oder Konsument:innen mehr Mineralwasser und mehr Saft trinken, dann wissen sie: Es wird weniger Alkohol getrunken.

Die Nachfrage an der Bar ist eher nicht der Grund. Es ist nicht so, dass Nicht-Trinker:innen ständig in die Kneipe gehen und sagen, wir wollen was ohne, und dann wird’s hergestellt. Zumindest nicht überwiegend. Dann schon eher, dass die Leute zum Beispiel mehr Sport treiben und sich gesünder ernähren wollen. Dazu gehört eben auch weniger Alkohol. Und dann sagen die Hersteller: Martini oder Aperol läuft wie Bombe, machen wir doch einfach einen ohne. Jetzt, wo diese Welle so angerauscht kommt, springen auch viele auf.

Grundsätzlich bin ich eher dafür, kleinere Unternehmen zu unterstützen. Aber dass tatsächlich immer mehr große Unternehmen mitmachen, ist für mich ein Zeichen, dass es nicht nur ein One Hit Wonder, sondern ein fester Trend ist.

Wie sah das noch vor ein paar Jahren aus?

Was man früher kriegte, war furchtbar. Diese süßen Virgin Coladas und ähnliche Cocktails. Das ist schon mit Alkohol süß, aber ohne ist es schwer erträglich.

Als ich klein war, gab‘s vielleicht sieben alkoholfreie Getränke. Einen schlechten Sirup oder zwei, die man mit Wasser aufgießen konnte, einen Kirschsaft und ein Mineralwasser. Wenn’s schön war, sogar mal ohne Kohlensäure, so ein französisches. Dann Apfelsaft, Cola und Fanta, vielleicht noch eine Zitronenlimo. Und jetzt geh mal so ein Regal im Supermarkt mit Saft und Softdrinks entlang. Da gehst du Meter! Dazu kommt das extra Regal mit alkoholfreiem Bier. Und zwischen den Wein- und Spirituosenflaschen stehen die ohne Alkohol.

In einigen Restaurants wird eine alkoholfreie Dinnerbegleitung angeboten, man sieht Null-Promille-Spätis und -Bars. Ist das ein Phänomen von Metropolen wie Berlin, London oder New York?

Das ist auf jeden Fall ein urbanes Thema. Es gibt natürlich auch Menschen auf dem Land, die nicht trinken. Aber ich glaube, in Bayern hätte es so eine Bar schwieriger. In Berlin funktionieren neue Dinge, weil hier so viele wahnsinnig offene Leute sind. Und New York und London sind echte Hot Spots für alkoholfreie Cocktails. Ich weiß nicht, ob es gleich eine ganze alkoholfreie Bar braucht. Wenn ich mit jemandem was trinken gehe, der was trinken möchte, ist das ja nicht verwerflich. Dann muss der natürlich nicht alkoholfrei mittrinken.

Man muss niemanden dazu zwingen, nicht zu trinken.

Nicole Klauß

Ein befreundeter Barkeeper von mir zweifelt, ob der Trend der alkoholfreien Bars breiter wird. Es gibt eine Null-Promille-Bar hier in Berlin, da wird auch nicht geraucht und es gibt nur vegane Snacks, soweit ich weiß. Wie viel schmaler kann man die Zielgruppe machen? Ich finde es originell und für die PR ist es natürlich der Hit. Trotzdem muss man ja nicht jemanden dazu zwingen, nicht zu trinken. Aber zu sagen: „Ich bin eine eine Cocktailbar mit einer großen Auswahl an alkoholfreien Sachen“, das finde ich gut. Dann sind alle zufrieden.


Nicole Klauß: „Die neue Trinkkultur“, PIEPER, 12 Euro

Das Buchcover von "Die neue Trinkkultur" von Nicole Klauß
Buchcover „Die neue Trinkkultur“ © Jule Felice Frommelt

Hier auf EAT CLUB beschäftig uns das Thema Mindful Drinking schon länger. Wir haben alkoholfreie Gins genauer unter die Lupe genommen oder mit Hilfe von Nicole Klauß leckere Aperitifs ohne Alkohol für dich zusammengestellt. Schenk dir auch mal einen dieser Drinks ins Glas:


Quellen: statista.com