Seit einigen Tagen läuft er wieder: der Veganuary. Jedes Jahr steht der erste Monat des Jahres ganz im Zeichen der veganen Ernährung, zumindest für alle, die sich für die Kampagne anmelden. EAT CLUB feiert diesen besonderes Anlass mit dem Vegan Wednesday, an dem wir wöchentlich ein tierfreies Thema in den Fokus rücken. Den Auftakt macht die Leiterin des Veganuary in Deutschland, die wir zum Interview gebeten haben.

Veganuary: Was ist das überhaupt?

Beim Veganuary handelt es sich um eine weltweite, gemeinnützige Organisation, die dazu anregen möchte, sich im Januar einen Monat lang vegan zu ernähren. Mit der jährlich stattfindenden Kampagne schaffte es das Team, jedes Jahr mehr Mitmachende zu animieren. 2021 meldeten sich über 580.000 Menschen rund um den Globus zum Veganuary an. Wer dabei ist, darf sich über tägliche Informationen, spannende Facts und Inspiration freuen. Darüber hinaus beteiligen sich Supermärkte, Restaurants und Unternehmen mit verschiedenen Aktionen.

Wir wollten mehr wissen und haben uns deshalb mit Dr. Katharina Weiss-Tuider, Leiterin des Veganuary in Deutschland, unterhalten.

EAT CLUB: Wie viele Teilnehmende haben sich für den Veganuary 2022 angemeldet?

Dr. Katharina Weiss-Tuider: Der Veganuary ist jetzt in den ersten Januartagen auf Hochtouren: Gerade meldet sich alle 2,5 Sekunden eine weitere Person bei uns an, um mitzumachen. Wir werden in diesem Jahr die Marke von zwei Millionen Teilnehmenden seit der „Geburtsstunde“ des Veganuary im Jahr 2014 überschreiten. Umso größer ist natürlich der Impact, den alle Teilnehmenden gemeinsam haben, wenn sie für einen Monat lang ihre Ernährung umstellen. Gemeinsam können wir Millionen Tierleben schützen, Hundertausende Tonnen an Treibhausgasen einsparen, und zahlreiche weitere Umweltschäden vermeiden, die durch Tierprodukte verursacht werden. Und auch die menschliche Gesundheit kann davon profitieren, es mal rein pflanzlich zu probieren.

Es scheint, die Corona-Pandemie habe bei vielen Menschen zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln und Ernährung geführt. Haben Sie bei den Anmeldezahlen zum Veganuary einen Aufschwung durch Corona erlebt? 

Die Veganuary-Kampagne fand im Jahr 2014 in Großbritannien ihren Anfang und ist heute eine globale Bewegung. Sie ist Jahr für Jahr weiter gewachsen. Mit über 582.000 Anmeldungen hatten wir im vergangenen Kampagnenjahr 2021 bis dato die meisten Anmeldungen. Die Pandemie hat noch mehr Menschen bewusst gemacht, welche Gefahren mit unserer Ernährung, insbesondere mit der industrielle Tierhaltung, einhergehen. Bereits vor COVID-19 warnten Experten vor den Risiken durch Antibiotikaresistenzen für die menschliche Gesundheit – also Risiken durch „Superkeime“, die durch den gigantischen Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung entstehen.

„Immer mehr Menschen nutzen Neujahrsvorsätze, um es mal pflanzlich zu probieren.“

Dr. Katharina Weiss-Tuider

Durch COVID-19 hat die ganze Welt zu spüren bekommen, welche Gefahr von Zoonosen ausgeht, also von Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Indem wir etwa ganze Ökosysteme zerstören, häufig für die landwirtschaftliche Tierhaltung. Und zudem finden Zoonosen in der Massentierhaltung – mit den Hunderten oder gar Tausenden Tieren derselben Art auf engstem Raum – beste Bedingungen, um sich zu entwickeln und auf den Menschen überzuspringen. Immer mehr Menschen sehen heute die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung. Und immer mehr machen den Veganuary mit und nutzen die Gelegenheit des Neujahrsvorsatzes, um es lieber mal pflanzlich zu probieren.  

Welche Tipps geben Sie „Neu-Einsteiger:innen“, die sich entscheiden, beim Veganuary mitzumachen oder eine komplett vegane Ernährung anstreben?

Unsere Teilnehmenden erhalten einen Monat lang eine spannende und hilfreiche E-Mailserie, die sie mit allerlei Tipps durch die Veganuary-Challenge begleitet. Darin geben wir täglich unsere besten Tipps: Viele sind ganz praktisch, drehen sich zum Beispiel darum, welche typischen tierischen Produkte sich einfach durch pflanzliche Lebensmittel austauschen lassen. Bei anderen Tipps geht es eher darum, wie ich den Veganuary für mich selbst gestalte und mir meine vegane Challenge möglichst viel Freude bietet – zusätzlich zu den vielen kulinarischen Entdeckungen. Ganz wichtig ist: Ernährung prägt unseren Alltag und soll Spaß machen, also geht es nicht perfektionistisch an. Wenn mal was nicht schmeckt, probiert einfach ein anderes Gericht oder Produkt. Und wenn mal eine unvegane Mahlzeit „dazwischenrutscht“?  Auch okay. Keiner winkt dann mit dem berüchtigten erhobenen Zeigefinger. Auch wichtig: Wie bei den meisten Challenges ist Veganaury zusammen mit Freund:innen oder sogar mit Arbeitskolleg:innen am lustigsten. Gemeinsam ausprobieren, sich freuen, auch mal die Nase rümpfen, sich austauschen – so macht die vegane Entdeckungstour noch mehr Spaß.

Oft hört man als Argument gegen eine vegane Ernährung: „Das kann ich mir nicht leisten.“ Was antworten Sie darauf?

Meine eigene Erfahrung ist, dass es heute eine sehr große Bandbreite an rein pflanzlichen Lebensmitteln gibt und es auf das eigene Einkaufsverhalten ankommt, wie viel ich dafür ausgebe. Ich habe mich zum Beispiel selbst erstmal auf Fleischalternativen gestürzt, also die typischen Nachahmerprodukte, als ich immer mehr Tierprodukte ausgetauscht habe. Die sind natürlich super als eine Art Brücke zwischen der „alten“ Ernährungsform und der neuen pflanzlichen, sie machen den Übergang leicht. Gemeinhin sind aber Produkte wie Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte sehr viel günstiger und bieten darüber hinaus ja auch eher gesundheitliche Vorteile. Wenn ich das breite Angebot von frischen pflanzlichen, sogar saisonalen und regionalen Lebensmitteln nutze, kann ich also etwas für mein Wohlbefinden tun und zugleich kostengünstig einkaufen.

„Die eigentlichen Kosten für unsere Nahrungsmittel stehen nicht auf dem Kassenbon.“

Dr. Katharina Weiss-Tuider

Tatsächlich haben sich vor einigen Monaten ein paar Forscher:innen der Uni Oxford das mal genauer angesehen und festgestellt: In Europa und anderen Ländern, die im weltweiten Vergleich ein höheres Einkommen haben, können wir deutlich günstiger wegkommen, wenn wir auf pflanzliche Lebensmittel ohne Alternativprodukte zu Fleisch und Fisch setzen. Eine vegane Ernährung kann dann in diesen Ländern bis zu einem Drittel günstiger sein im Vergleich mit der typischen „westlichen“ Ernährung mit viel Fleisch und Milch.

Hinzu kommt: Die eigentlichen Kosten unserer Nahrungsmittel stehen ja nicht auf unseren Kassenzetteln. Würden wir die Umweltschäden, die insbesondere durch Tierhaltung und Tierprodukte entstehen, mitzahlen müssen, wären die Preise exorbitant höher. Fleisch aus konventioneller Haltung wäre mit diesen Kosten etwa um 173 Prozent höher. Doch diese Kosten zahlen wir nicht an der Supermarktkasse, sondern als Allgemeinheit – oder überlassen sie den kommenden Generationen.

Unter den Top-10-Ländern, die am Veganuary teilnehmen, sind viele, denen man nachsagt, eine ungesunde Ernährung oder hohen Fleischkonsum zu pflegen, etwa die USA. Wie erklären Sie sich, dass der Veganuary dort trotzdem so eine große Relevanz hat?

Nicht nur in Ländern wie den USA ist der Fleischkonsum zu hoch. Auch in Deutschland essen die Menschen im Durchschnitt doppelt so viel Fleisch wie von offiziellen Institutionen empfohlen. Doch umso lauter ist in diesen Ländern natürlich auch die Diskussion um diesen viel zu hohen Fleischkonsum, um seine gesundheitlichen Risiken, um die gigantischen Treibhausgasemissionen, die durch industrielle Tierhaltung verursacht werden, auch um das erschreckende Tierleid durch dieselbe. Immer mehr Menschen wissen um die Nachteile und Risiken dieser Ernährung. Knapp 40 Prozent der jungen Menschen in Deutschland sehen es heute kritisch, überhaupt Fleisch zu essen. Da bietet der Veganuary einen guten Anlass, mit dem neuen Jahr etwas zu ändern an den Ernährungsgewohnheiten – und umso mehr wird er auch genutzt.

Und woran kann es liegen, dass sich deutlich mehr Frauen als Männer registrieren?

Während sich bei der Veganuay-Challenge zwar mehr Frauen registrieren, hat eine spannende Studie im vergangenen Jahr gezeigt: Das Interesse an veganer Ernährung ist unter Männern sogar höher. Die repräsentative Marktforschungsstudie von Kantar stieß auf 58 Prozent Interesse an einer rein pflanzlichen Ernährung unter Männern. Bei den Frauen waren es 46 Prozent: auch eine enorme Zahl, aber das Ergebnis war durchaus überraschend. Vegan entzieht sich mehr und mehr den bislang gängigen Stereotypen – aber das ist auch nur konsequent, denn vegan ist heute schlichtweg Mainstream und damit so vielfältig wie die Menschen selbst.


Wenn du mehr über eine vegane Ernährung erfahren möchtest, empfehlen wir dir unser Kochbuch der Woche Vegan im Van. Autorin Lorena ist seit einiger Zeit mit Hund Gizmo und ihrem VW Bulli unterwegs, kocht ausschließlich ohne tierische Produkte und hat uns von ihrem Leben „on the road“ erzählt. Ein Muss für alle, die gerade Fernweh haben! Noch mehr spannende Infos zu veganen Themen findest du, wenn du hier auf EAT CLUB weiterliest.